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Aus dem FF: WM 2002, Goethe und Kotelett

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Zurück in die Vergangenheit: Mit fast 25 Jahren Abstand lese ich diese Texte als Gesellschaftskritik durch die Brille eines recht verbohrten Teenagers. Fast alles wird mit Skepsis, Spott oder Verachtung betrachtet: Familienrituale, Fußballbegeisterung, Bildungsbürgertum, Werbung, selbst die Frage nach der Lebensfreude. Heute erkenne ich darin weniger eine treffende Analyse der Welt als vielmehr meine damalige Haltung ihr gegenüber.

Auffällig ist, wie wenig Raum die Texte für Freude, Begeisterung oder Nachsicht lassen. Rückblickend scheint mir, dass der Zynismus oft schneller zur Stelle war als die Neugier. Ablehnung war einfacher als Zustimmung.

Gerade deshalb finde ich die Texte noch interessant. Sie dokumentieren eine Lebensphase und enthalten zudem einige unfreiwillige Ironien. Als der Kotelett-Text entstand, war ich bereits seit rund zehn Jahren Vegetarier. Das Kotelett war also längst weniger ein Nahrungsmittel als ein Symbol für Kindheit, Familie und Erinnerung. Auch die Behauptung, Gedichte seien nie gut, halte ich heute für Unsinn. Zwar bin ich kein großer Freund von Gedichten, erkenne sie aber als ehrwürdige Kunstform an. Ironischerweise besitzt gerade der WM-Text mit seinen verdichteten Bildern, Übertreibungen und seinem Rhythmus selbst etwas Gedichtartiges.

Bis heute gefallen mir die sprachliche Lust an Übertreibung und die teilweise grotesken Bilder. Zugleich zeigen die Texte eine typische Schwäche junger Autoren: Die Haltung steht oft schon fest, bevor die Beobachtung beginnt.

Der Kotelettklopfer & ich (2002)
Sonntagmorgens wurde ich vor vielen Jahren regelmäßig von einem dumpfen Pochen geweckt. Dieses Pochen verriet mir: „Guten Morgen, es gibt Kotelett.“ So erwachte ich jeden Sonntag im trauten Kreise meiner Familie, die um mich herum am Küchentisch bzw. an der Bratpfanne versammelt war und mit einem hölzernen Kotelettklopfer – verziert mit orientalischen Mustern – die von mir im Plural liebevoll genannten Koteletten bearbeitete. „Yummi, yummi, Kotelett! Kotelett ist cool“, dachte ich mir jedes Mal.

WM 2002 (2002)
Schwitzende, zahllose Leiber drängten sich in den Cafés und Kneipen der Innenstadt, lüstern dem Fußballhappening des Jahres, der WM 2002, hinterhergeifernd. Über ihre Bierhumpen oder Milchkaffeetassen hinweg starrten sie auf die Bildröhre, vegetierten in der Sonne, während jeder Funken Menschlichkeit aus ihren Gesichtszügen verschwunden schien. Gleichgültig gegenüber allem Menschlichen, jagten sie einem runden Stück Leder nach. Ataxie in allen Leibern: Sie saßen wie Walrosse vor der Fütterung, gequetscht in ihre Sitze, gebettet in Sensationsschweiß, abgesondert aus widerwärtigen Poren. Brot und Spiele fürs Volk, denn Wissen schadet der Dummheit.

Freude am Leben (2002)
Wie erreicht man eigentlich Freude am Leben? Was ist Freude? Goethe sagt, man solle jeden Tag ein gutes Gedicht lesen. Sollte mich das freudig stimmen? Ich glaube nicht. Denn erstens sind Gedichte nie gut, und zweitens: Inwiefern sollte das mein Leben bereichern? Allerdings ist es genauso absurd anzunehmen, das Café Backhaus bereite mir Freude am Leben. Auf seinen Plakaten behauptet es nämlich genau das. Ist es nicht ebenso schön, in Diskotheken Frauen zu beobachten, die ihre Hosenbeine hochkrempeln, um anderen Leuten ihre Pigmentstörungen und Furunkel am Sprunggelenk zu zeigen?