{"id":918,"date":"2026-06-07T14:47:45","date_gmt":"2026-06-07T12:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/?p=918"},"modified":"2026-06-07T17:50:16","modified_gmt":"2026-06-07T15:50:16","slug":"aus-dem-ff-wm-2002-goethe-und-kotelett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/aus-dem-ff-wm-2002-goethe-und-kotelett\/","title":{"rendered":"Aus dem FF: WM 2002, Goethe und Kotelett"},"content":{"rendered":"\n<p>Zur\u00fcck in die Vergangenheit: Mit fast 25 Jahren Abstand lese ich diese Texte als Gesellschaftskritik durch die Brille eines recht verbohrten Teenagers. Fast alles wird mit Skepsis, Spott oder Verachtung betrachtet: Familienrituale, Fu\u00dfballbegeisterung, Bildungsb\u00fcrgertum, Werbung, selbst die Frage nach der Lebensfreude. Heute erkenne ich darin weniger eine treffende Analyse der Welt als vielmehr meine damalige Haltung ihr gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist, wie wenig Raum die Texte f\u00fcr Freude, Begeisterung oder Nachsicht lassen. R\u00fcckblickend scheint mir, dass der Zynismus oft schneller zur Stelle war als die Neugier. Ablehnung war einfacher als Zustimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade deshalb finde ich die Texte noch interessant. Sie dokumentieren eine Lebensphase und enthalten zudem einige unfreiwillige Ironien. Als der Kotelett-Text entstand, war ich bereits seit rund zehn Jahren Vegetarier. Das Kotelett war also l\u00e4ngst weniger ein Nahrungsmittel als ein Symbol f\u00fcr Kindheit, Familie und Erinnerung. Auch die Behauptung, Gedichte seien nie gut, halte ich heute f\u00fcr Unsinn. Zwar bin ich kein gro\u00dfer Freund von Gedichten, erkenne sie aber als ehrw\u00fcrdige Kunstform an. Ironischerweise besitzt gerade der WM-Text mit seinen verdichteten Bildern, \u00dcbertreibungen und seinem Rhythmus selbst etwas Gedichtartiges.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute gefallen mir die sprachliche Lust an \u00dcbertreibung und die teilweise grotesken Bilder. Zugleich zeigen die Texte eine typische Schw\u00e4che junger Autoren: Die Haltung steht oft schon fest, bevor die Beobachtung beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Kotelettklopfer &amp; ich (2002)<\/strong><br>Sonntagmorgens wurde ich vor vielen Jahren regelm\u00e4\u00dfig von einem dumpfen Pochen geweckt. Dieses Pochen verriet mir: \u201eGuten Morgen, es gibt Kotelett.\u201c So erwachte ich jeden Sonntag im trauten Kreise meiner Familie, die um mich herum am K\u00fcchentisch bzw. an der Bratpfanne versammelt war und mit einem h\u00f6lzernen Kotelettklopfer \u2013 verziert mit orientalischen Mustern \u2013 die von mir im Plural liebevoll genannten Koteletten bearbeitete. \u201eYummi, yummi, Kotelett! Kotelett ist cool\u201c, dachte ich mir jedes Mal.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WM 2002 (2002)<\/strong><br>Schwitzende, zahllose Leiber dr\u00e4ngten sich in den Caf\u00e9s und Kneipen der Innenstadt, l\u00fcstern dem Fu\u00dfballhappening des Jahres, der WM 2002, hinterhergeifernd. \u00dcber ihre Bierhumpen oder Milchkaffeetassen hinweg starrten sie auf die Bildr\u00f6hre, vegetierten in der Sonne, w\u00e4hrend jeder Funken Menschlichkeit aus ihren Gesichtsz\u00fcgen verschwunden schien. Gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber allem Menschlichen, jagten sie einem runden St\u00fcck Leder nach. Ataxie in allen Leibern: Sie sa\u00dfen wie Walrosse vor der F\u00fctterung, gequetscht in ihre Sitze, gebettet in Sensationsschwei\u00df, abgesondert aus widerw\u00e4rtigen Poren. Brot und Spiele f\u00fcrs Volk, denn Wissen schadet der Dummheit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"927\" src=\"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe-1024x927.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-922\" srcset=\"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe-1024x927.jpeg 1024w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe-300x272.jpeg 300w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe-768x695.jpeg 768w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe-1536x1391.jpeg 1536w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/goethe.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Freude am Leben (2002)<\/strong><br>Wie erreicht man eigentlich Freude am Leben? Was ist Freude? Goethe sagt, man solle jeden Tag ein gutes Gedicht lesen. Sollte mich das freudig stimmen? Ich glaube nicht. Denn erstens sind Gedichte nie gut, und zweitens: Inwiefern sollte das mein Leben bereichern? Allerdings ist es genauso absurd anzunehmen, das Caf\u00e9 Backhaus bereite mir Freude am Leben. Auf seinen Plakaten behauptet es n\u00e4mlich genau das. Ist es nicht ebenso sch\u00f6n, in Diskotheken Frauen zu beobachten, die ihre Hosenbeine hochkrempeln, um anderen Leuten ihre Pigmentst\u00f6rungen und Furunkel am Sprunggelenk zu zeigen?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"472\" src=\"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett-1024x472.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-919\" srcset=\"https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett-1024x472.png 1024w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett-300x138.png 300w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett-768x354.png 768w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett-1536x708.png 1536w, https:\/\/florian-filsinger.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/ffkotlett-2048x944.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur\u00fcck in die Vergangenheit: Mit fast 25 Jahren Abstand lese ich diese Texte als Gesellschaftskritik durch die Brille eines recht verbohrten Teenagers. 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